Letzten Monat gab es mit einem Kunden Diskussion: Balken- oder Liniendiagramm für die Quartalsumsätze?
Er wollte eine Linie, weil "sie den Trend zeigt". Ich plädierte für Balken, weil wir diskrete Quartalsdaten hatten, keine kontinuierlichen Messwerte.
Beide hatten teilweise recht. Genau darin liegt das Problem mit der Standardberatung.
Die Lehrbuch-Antwort (und warum sie unvollständig ist)
Jeder Datenviz-Guide sagt dasselbe:
- Liniendiagramme = kontinuierliche Daten über die Zeit
- Balkendiagramme = diskrete Kategorien
Technisch korrekt, praktisch oft nutzlos.
Die eigentliche Frage: Was wollen Sie betonen?
Wann Linien gewinnen
1. Sie wollen einen Trend zeigen
Liniendiagramme zeigen Muster. Die verbundenen Punkte lenken die Aufmerksamkeit auf die Richtung der Veränderung.
Monatlich aktive Nutzer über 2 Jahre? Linie. Aktienkurs über einen Handelstag? Linie. Temperaturwerte? Linie.
2. Sie haben viele Datenpunkte
Bei 50+ Beobachtungen werden Balken unübersichtlich. Linien bleiben klar.
3. Sie vergleichen Verläufe
Wenn Sie vergleichen wollen, wie verschiedene Reihen sich im gleichen Zeitraum entwickeln, sind mehrere Linien einfacher zu verfolgen als gruppierte Balken.
Wann Balken gewinnen
1. Sie wollen Größen vergleichen
Balken haben eine natürliche Nullbasis. Absolute Vergleiche fallen leichter als bei Linien.
Umsatz nach Region? Balken. Umfrageergebnisse nach Kategorie? Balken.
2. Sie haben diskrete Kategorien
Jahresumsatz nach Jahr funktioniert als Balken, weil jedes Jahr ein abgeschlossener Zeitraum ist. Quartalsdaten sind Grenzfall—je nachdem, ob Sie den Trend oder die Einzelquartale betonen.
3. Einzelwerte zählen mehr als das Muster
Wenn jemand schnell einen konkreten Wert braucht, sind Balken mit Datenbeschriftung präziser als ein Punkt auf einer Linie.
Die Grauzone
Monatsdaten: Die klassische Debatte
12 Monate sind der unangenehme Mittelweg. Meine Regel: Bei Präsentation und Erklärung der Monat-zu-Monat-Änderung → Balken. Bei Jahrestrend → Linie.
Zwei Reihen mit unterschiedlichen Skalen
Zwei-Achsen-Diagramme verwirren. Besser zwei Diagramme nebeneinander. Oder Balken-Linien-Kombi: Balken als Hauptmetrik, Linie als Nebenmetrik (z. B. Umsatzbalken + Gewinnmargenlinie).
Was die Forschung sagt
Cleveland & McGill (1984): Wir beurteilen Position auf einer gemeinsamen Skala am genauesten. Balken und Linien nutzen dieses Prinzip—beide sind effektiv.
Der Unterschied: Balken fördern den Vergleich von Einzelwerten, Linien die Wahrnehmung von Trends und Mustern. Keins ist "besser"—sie optimieren für verschiedene kognitive Aufgaben.
Mein Entscheidungsprozess
- Ist exakter Wertvergleich wichtig? → Balken
- Geht es um Trend oder Muster? → Linien
- Mehr als 20 Zeitpunkte? → Linien
- Diskrete Kategorien (nicht Zeit)? → Balken
- Immer noch unsicher? → Beide Versionen erstellen und einer Kollegin zeigen
Der Hybrid
Manchmal ist die Antwort: beides. Ein Balkendiagramm als Hauptansicht plus eine kleine Linie als "Trendzusammenfassung" funktioniert gut in Dashboards.
Typische Fehler
Linie: Nicht bei Null starten, wenn es für die Interpretation wichtig ist; Linien für kategoriale Daten; zu viele sich kreuzende Linien (mehr als 4).
Balken: Nicht sortieren, wenn keine natürliche Reihenfolge; 3D-Effekte; Balken zu breit oder zu schmal; inkonsistente Farben.
Das echte Fazit
Es gibt keine universelle Regel. Der "richtige" Chart hängt ab von: 1) Was Sie kommunizieren wollen, 2) Wie Ihr Publikum die Information nutzt, 3) Dem Präsentationskontext.
Wenn ich wirklich unsicher bin, erstelle ich beide Versionen und frage jemanden, der die Daten nicht kennt, welche schneller die Frage beantwortet. Dieser Fünf-Sekunden-Test schlägt jedes theoretische Framework.


